Zusammenfassung
- Bacillus subtilis wurde 1835 erstmals beschrieben und 1872 von Ferdinand Cohn der Gattung Bacillus zugeordnet.
- Cohns Arbeiten zur Hitzebeständigkeit der Sporen trugen dazu bei, die Lehre von der Urzeugung zu widerlegen.
- Das Genom wurde 1997 vollständig entschlüsselt; das Bakterium gilt seither als Modellorganismus der Mikrobiologie.
- Für Futtermittel zugelassene Stämme durchlaufen ein Verfahren mit Sicherheits- und Wirksamkeitsprüfung und erhalten eine Kennnummer.
- Der in Ergänzungsfuttermitteln verbreitete Stamm DSM 15544 ist unter der Nummer 4b1820 geführt, ausdrücklich auch für Hunde.
Ein Bakterium aus dem Heuaufguss
Die Geschichte beginnt 1835, als Christian Gottfried Ehrenberg einen Mikroorganismus beschrieb, den er Vibrio subtilis nannte. Gefunden wurde er dort, wo man im 19. Jahrhundert nach Mikroben suchte: in einem Aufguss aus Heu und Wasser.
1872 ordnete der Breslauer Botaniker Ferdinand Cohn dasselbe Bakterium der Gattung Bacillus zu. Seither heißt es Bacillus subtilis. Der Beiname bedeutet „fein" oder „zart" – eine Beschreibung der stäbchenförmigen Zellen, nicht ihrer Widerstandsfähigkeit.
Wie die Sporen eine wissenschaftliche Streitfrage entschieden
Im 19. Jahrhundert war offen, ob Leben spontan aus toter Materie entstehen kann. Für diese Annahme sprach eine hartnäckige Beobachtung: Nährlösungen, die gekocht worden waren, zeigten nach einiger Zeit erneut mikrobielles Wachstum. Wenn Kochen alles Leben abtötet – woher kam dann das neue?
Cohn untersuchte an Bacillus subtilis eine Struktur, die er als Endospore beschrieb: eine Dauerform, die die Zelle unter ungünstigen Bedingungen ausbildet. Sie stellt den Stoffwechsel ein, entzieht sich Wasser und umgibt das Erbgut mit mehreren Schutzschichten. Kurzes Kochen überstehen diese Sporen.
Damit war die Beobachtung erklärt, ohne Urzeugung anzunehmen: Die Nährlösung war nicht steril gewesen. Die Sporen hatten überlebt und waren später ausgekeimt. Es brauchte längeres oder wiederholtes Erhitzen – ein Prinzip, das bis heute in der Sterilisation angewendet wird.
Was eine Endospore aushält
Die Spore ist keine Zelle im gewöhnlichen Sinn. Ihr Wassergehalt ist stark reduziert, das Erbgut liegt durch Schutzproteine stabilisiert vor, und mehrere Hüllschichten schirmen es ab. In diesem Zustand findet praktisch kein Stoffwechsel statt.
Das Ergebnis ist eine Widerstandsfähigkeit gegen Hitze, Trockenheit, Strahlung und saure Umgebungen, die vegetative Zellen nicht erreichen. Kehren günstige Bedingungen zurück, keimt die Spore aus und wird wieder zur teilungsfähigen Zelle.
Für probiotische Anwendungen sind zwei Folgen davon entscheidend. Erstens übersteht die Spore die Magenpassage ohne technischen Schutz – beim Hund liegt der pH-Wert im nüchternen Magen üblicherweise zwischen 1 und 2. Zweitens bleibt die Keimzahl über die Lagerdauer stabil, und das Pulver verträgt die Verarbeitung in trockene Futtermittel. Was das im Darm bedeutet, beschreibt der Beitrag zu Bacillus subtilis beim Hund.
Vom Heuaufguss zum Modellorganismus
Im 20. Jahrhundert wurde Bacillus subtilis zum Standardobjekt der Forschung an grampositiven Bakterien. 1997 wurde sein Genom vollständig sequenziert – eines der ersten bakteriellen Genome überhaupt.
Seither dient es unter anderem der Frage, mit welcher Mindestausstattung eine Zelle lebensfähig ist. In entsprechenden Projekten wurde das Genom schrittweise reduziert, um zu bestimmen, welche Gene entbehrlich sind.
Parallel dazu wird das Bakterium industriell genutzt: für Enzyme in Waschmitteln, für Vitamine und in der Lebensmitteltechnik. In Japan wird mit einem Bacillus subtilis-Stamm Nattō hergestellt, ein traditionelles Sojaprodukt.
2023 wählte die Vereinigung für Allgemeine und Angewandte Mikrobiologie Bacillus subtilis zur Mikrobe des Jahres und verwies auf diese Bandbreite.
Warum nicht jeder Stamm gleich ist
„Bacillus subtilis" bezeichnet eine Art, nicht ein bestimmtes Bakterium. Innerhalb dieser Art unterscheiden sich einzelne Stämme in Eigenschaften, die für eine Anwendung wesentlich sind: Wie stabil sind die Sporen? Wie verhält sich der Stamm gegenüber anderen Mikroorganismen? Bildet er Stoffe, die unerwünscht wären?
Deshalb werden Stämme in Sammlungen hinterlegt und mit einer Nummer geführt – DSM steht für die Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen, daneben gibt es ATCC, NCIMB und weitere. Diese Nummer ist die eindeutige Kennung. Der Artname ist es nicht.
Der Weg in ein zugelassenes Futtermittel
Probiotische Zusatzstoffe für Futtermittel sind in der EU zulassungspflichtig. Grundlage ist die Verordnung (EG) Nr. 1831/2003, die Bewertung übernimmt die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit. Geprüft werden unter anderem die Identität des Stammes, seine Sicherheit für Tier, Anwender und Umwelt sowie die zootechnische Wirksamkeit.
Am Ende steht eine Kennnummer, unter der der Zusatzstoff geführt wird, mit Angabe der zugelassenen Tierarten und des Mindestgehalts. Der in Ergänzungsfuttermitteln verbreitete Stamm DSM 15544 ist unter 4b1820 geführt, in der Funktionsgruppe der Darmflorastabilisatoren, mit einem Mindestgehalt von 1 × 1010 koloniebildenden Einheiten je Gramm. Die Zulassung umfasst neben mehreren Nutztierarten ausdrücklich Hunde.
Dieser Stamm wurde ursprünglich als Bacillus subtilis C-3102 geführt und später taxonomisch Bacillus velezensis zugeordnet. Was hinter der Umbenennung steckt, steht unter Bacillus velezensis oder subtilis. Die wissenschaftlichen Grundlagen samt Quellen sind auf unserer Wissenschaftsseite zusammengestellt.
Was eine Zulassung aussagt – und was nicht
Eine Zulassung als Futtermittelzusatzstoff ist keine arzneiliche Zulassung. Sie bestätigt, dass Sicherheit und zootechnische Wirksamkeit für die genannten Tierarten in einem Verfahren geprüft wurden. Sie besagt nicht, dass sich damit ein Beschwerdebild behandeln ließe.
Was sie praktisch bedeutet: Es existiert eine benannte Stammnummer, ein Bewertungsdossier und eine behördliche Prüfung. Das ist mehr an nachprüfbarer Grundlage, als bei vielen Ergänzungsfuttermitteln vorliegt, und es ist der Grund, warum sich die Nummer auf dem Etikett zu suchen lohnt.
Häufige Fragen
Seit wann ist Bacillus subtilis bekannt?
Seit 1835. Damals beschrieb Christian Gottfried Ehrenberg das Bakterium als Vibrio subtilis; 1872 ordnete Ferdinand Cohn es der Gattung Bacillus zu.
Was ist eine Endospore?
Eine Dauerform, die manche Bakterien unter ungünstigen Bedingungen ausbilden. Der Stoffwechsel wird eingestellt, das Erbgut durch mehrere Hüllschichten geschützt. Sie übersteht Hitze, Trockenheit und saure Umgebungen und keimt später wieder aus.
Wofür steht die Nummer DSM?
DSM steht für die Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen. Die Nummer identifiziert einen bestimmten hinterlegten Stamm eindeutig – anders als der Artname.
Ist jeder Bacillus-subtilis-Stamm für Futtermittel geeignet?
Nein. Für den Einsatz als Zusatzstoff in Futtermitteln ist eine EU-Zulassung erforderlich, die für den jeweiligen Stamm erteilt wird und die zugelassenen Tierarten benennt.
Was bedeutet die Kennnummer 4b1820?
Sie bezeichnet einen zugelassenen zootechnischen Futtermittelzusatzstoff in der Funktionsgruppe der Darmflorastabilisatoren. Dahinter steht der Stamm DSM 15544, zugelassen unter anderem für Hunde.













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