Fell und Haut
Fellwechsel beim Pferd: Was der Körper leistet und was er dafür braucht
Zweimal im Jahr baut ein Pferd sein komplettes Haarkleid um. Was dabei im Körper passiert, welche Nährstoffe gefragt sind und wann ein schleppender Fellwechsel ein Warnzeichen ist.

Der Fellwechsel gehört zu den Leistungen, die man dem Pferd kaum ansieht und die trotzdem erheblich sind. Innerhalb weniger Wochen wird das komplette Haarkleid abgestoßen und neu gebildet – und Haare bestehen fast vollständig aus Keratin, einem schwefelreichen Protein.
Ausgelöst wird der Wechsel nicht von der Temperatur, sondern von der Tageslichtlänge. Deshalb beginnt er zuverlässig um die Sonnenwenden herum, auch wenn draußen noch Winter ist. Wer sein Pferd im Dezember beim Haaren beobachtet, sieht keinen Fehler, sondern die Uhr im Kopf des Tieres.
Zwei Wechsel, zwei unterschiedliche Aufgaben
Der Wechsel im Herbst und der im Frühjahr sind nicht dasselbe. Im Herbst baut das Pferd ein dichtes, isolierendes Winterfell mit deutlich längeren Haaren auf – eine Aufbauleistung, die auf eine gut gefüllte Ration trifft, weil der Sommer gerade vorbei ist. Im Frühjahr wird dieses Fell abgestoßen und durch ein kurzes Sommerfell ersetzt. Das klingt nach weniger Arbeit, ist aber der kritischere der beiden Termine: Er fällt in die Zeit, in der die Heuvorräte am Ende sind, das Weidegras noch nicht steht und die Mineralversorgung über den Winter am knappsten war.
Wer beim Fellwechsel etwas verbessern will, setzt deshalb im Frühjahr an – und beginnt nicht erst, wenn die Haare bereits büschelweise am Striegel hängen, sondern mit den ersten Anzeichen.
Was der Körper in diesen Wochen braucht
Protein und Schwefelaminosäuren
Keratin ist reich an Methionin und Cystein, den beiden schwefelhaltigen Aminosäuren. Sie sind in dieser Phase der Engpass. Dazu kommt der allgemein erhöhte Proteinbedarf: Wer über Wochen ein ganzes Fell aufbaut, braucht mehr Baumaterial als im Sommer.
Zink und Kupfer
Beide sind an der Keratinbildung und der Hautfunktion beteiligt und in vielen Rationen knapp – besonders dann, wenn ausschließlich Heu ohne Mineralfutter gefüttert wird. Wichtig ist das Verhältnis: Eine einseitig hohe Zinkgabe kann die Kupferversorgung stören. Wer hier gezielt ergänzen will, orientiert sich am besten an einer Heuanalyse statt an Erfahrungswerten.
B-Vitamine
Sie werden im Energiestoffwechsel gebraucht, und der läuft im Fellwechsel auf erhöhter Last. Ein gesundes Pferd bildet sie im Dickdarm selbst; unter Stress oder bei gestörter Darmflora kann die Eigenproduktion nachlassen.
Und was nicht hilft
Öl in großen Mengen macht das Fell kurzfristig glänzender, ersetzt aber weder Protein noch Spurenelemente – der Glanz kommt dann von außen und nicht aus der Haarwurzel. Ähnliches gilt für Glanzsprays: Sie kaschieren, sie versorgen nicht. Wer den Unterschied sehen will, achtet auf das neu nachwachsende Fell, nicht auf das, was noch liegt.
Was in der Praxis hilft
- Raufutterqualität prüfen. Der Fellwechsel fällt im Frühjahr in die Zeit, in der oft das letzte, schlechteste Heu gefüttert wird. Das ist ausgerechnet der falsche Moment dafür.
- Ausreichend Bewegung. Sie fördert die Durchblutung der Haut und damit die Versorgung der Haarwurzeln.
- Täglich putzen. Der Striegel entfernt loses Haar, regt die Durchblutung an und verkürzt die Phase spürbar. 10 Minuten am Tag sind wirksamer als eine gründliche Aktion pro Woche.
- Nicht zu warm eindecken. Wer im Übergang zu dick eindeckt, verzögert den Wechsel, weil dem Körper das Signal fehlt.
- Licht zulassen. Der Reiz ist die Tageslichtlänge. Ein Pferd mit ausgedehntem Weide- oder Paddockgang bekommt ihn zuverlässiger als eines, das den Großteil des Tages in der Box steht.
Womit man putzt, und warum das eine Rolle spielt
Im Fellwechsel ist das Werkzeug nicht gleichgültig. Ein Gummistriegel oder ein Kunststoffstriegel mit weichen Zinken löst abgestorbenes Haar aus der Unterwolle, ohne die Haut zu reizen; eine Kardätsche nimmt es anschließend auf. Metallstriegel gehören an die Bürste und nicht ans Pferd. Bei empfindlichen Stellen – Beine, Kopf, Bauchnaht – ist die weiche Bürste die bessere Wahl, selbst wenn es dort am längsten dauert.
Scheren ist eine Option für Pferde, die im Winter gearbeitet werden und stark schwitzen. Es verkürzt den Fellwechsel nicht, sondern nimmt nur das ab, was ohnehin abgestoßen würde – und es macht eine passende Decke zur Pflicht.
Wo Bierhefe einzuordnen ist
Bierhefe liefert genau die Bausteine, die in dieser Phase gefragt sind: 40 bis 48 Prozent Rohprotein mit vollständigem Aminosäureprofil sowie natürliche B-Vitamine. Üblich sind 4 bis 8 Wochen in der Standarddosis von 50 bis 100 g täglich, begonnen mit dem Einsetzen des Wechsels und nicht erst, wenn das halbe Fell schon liegt.
Sie ersetzt kein Mineralfutter. Zink und Kupfer kommen dort her, nicht aus der Hefe – die beiden ergänzen einander, sie vertreten sich nicht. Wer im Frühjahr ohnehin umstellt, kann beides zusammenlegen: das Mineralfutter auf die Heuanalyse ausrichten und die Bierhefe über die Wochen des Wechsels danebenstellen.
Wann ein schleppender Fellwechsel ein Warnzeichen ist
Ein Pferd, das seinen Fellwechsel schlecht hinbekommt, ist nicht einfach langsam. Auffällig sind vor allem drei Bilder:
- Das Winterfell bleibt stehen, besonders an Beinen, Hals und Unterlinie, teils bis in den Sommer.
- Langes, gelocktes Fell, das sich auch nach dem Scheren schnell wieder bildet.
- Der Wechsel dauert Monate statt Wochen, dazu kommen vermehrtes Schwitzen, Muskelabbau über der Kruppe oder wiederkehrende Hufrehe.
Diese Zeichen gehören abgeklärt. Sie sind typisch für PPID – früher als Equines Cushing-Syndrom bezeichnet –, das vor allem ältere Pferde betrifft und gut behandelbar ist, wenn es erkannt wird. Ein Fütterungsthema ist es nicht.
Zwei weitere Ursachen kommen in Betracht, wenn PPID ausgeschlossen ist: ein deutlicher Mangel an Spurenelementen, der sich über eine Blut- und Heuanalyse einordnen lässt, und ein Parasitenbefall, der die Nährstoffversorgung im Darm untergräbt. Beides ist mit einfachen Mitteln zu prüfen und sollte geprüft werden, bevor an der Ergänzung geschraubt wird.
Der Fellwechsel im Jahreslauf
Wer die Ration am Fellwechsel ausrichten will, denkt in vier Abschnitten statt in zwei Terminen.
- Ab der Wintersonnenwende beginnt der Reiz für das Sommerfell. Sichtbar wird davon zunächst nichts – die Vorbereitung läuft, die Ration sollte in dieser Zeit bereits stehen.
- Februar bis April ist die Hauptphase des Frühjahrswechsels. Hier fällt der größte Bedarf an Protein, Zink und Kupfer an, und hier lohnt die Ergänzung über 4 bis 8 Wochen.
- Ab der Sommersonnenwende beginnt der Aufbau des Winterfells. Er verläuft meist unauffälliger, weil die Ration im Sommer besser gefüllt ist.
- September bis November ist die Hauptphase des Herbstwechsels. Ein Pferd, das im Frühjahr Mühe hatte, sollte hier erneut begleitet werden – die Bausteine sind dieselben.
Wenn Haut und Fell mehr zeigen als den Wechsel
Nicht alles, was im Fellwechsel auffällt, gehört dazu. Kahle Stellen, schuppende oder nässende Haut, starker Juckreiz, ausgeriebene Mähne und Schweifrübe oder Krusten in den Fesselbeugen sind eigene Befunde und keine Begleiterscheinung. Dahinter stehen häufig Milben, Pilze, ein Sommerekzem oder Mauke – alles Dinge, die eine eigene Behandlung brauchen und sich über die Fütterung nicht lösen lassen.
Die Faustregel ist einfach: Der Fellwechsel betrifft das Haar, nicht die Haut. Sobald die Haut selbst verändert ist, gehört sie angesehen.
Kurz zusammengefasst
- Ausgelöst wird der Fellwechsel vom Tageslicht, nicht von der Temperatur.
- Der Frühjahrswechsel ist der kritischere – er trifft auf die schwächste Ration des Jahres.
- Gefragt sind Protein mit Schwefelaminosäuren, Zink und Kupfer sowie B-Vitamine.
- 10 Minuten Putzen täglich wirken mehr als eine große Aktion pro Woche.
- Bleibt das Winterfell stehen oder lockt es sich, gehört PPID abgeklärt.
Dieser Beitrag ist allgemein gehalten und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung.
Dieser Beitrag ist allgemein gehalten und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung. Bei anhaltendem Durchfall, Erbrechen, Blut im Kot, Fieber oder Gewichtsverlust gehört die Ursache in jedem Fall abgeklärt.