Stoffwechsel

EMS beim Pferd: Was dahintersteckt und worauf es bei der Fütterung ankommt

6 Minuten LesezeitZuletzt geprüft im September 2026

Equines Metabolisches Syndrom betrifft den Zuckerstoffwechsel und damit die gesamte Ration. Was EMS ist, wie die Fütterung aussehen sollte und woran man geeignete Ergänzungsfuttermittel erkennt.

Pferdeherde grast im Abendlicht auf einer Weide, im Hintergrund ein Hof

EMS steht für Equines Metabolisches Syndrom. Der Name klingt nach einer einzelnen Krankheit, beschreibt aber ein Zusammentreffen mehrerer Befunde: eine gestörte Insulinregulation, häufig ein erhöhtes Körpergewicht mit auffälligen Fettdepots an Mähnenkamm, Schweifansatz und über den Augen – und ein deutlich erhöhtes Risiko für Hufrehe.

Der letzte Punkt ist der Grund, warum EMS ernst genommen wird. Hufrehe ist schmerzhaft, kann bleibende Schäden am Hufbein hinterlassen und ist bei betroffenen Pferden die häufigste Folge einer nicht angepassten Fütterung.

Woran man EMS im Alltag bemerkt

Die auffälligsten Zeichen sind Fettdepots, die sich nicht wie normale Körperfülle verteilen, sondern an bestimmten Stellen sitzen: ein fester, überkippender Mähnenkamm, Polster über den Augenhöhlen, wulstige Ansätze am Schweifrücken und hinter der Schulter. Dazu kommen oft ein trotz Diät kaum sinkendes Gewicht, wiederkehrende leichte Lahmheiten ohne erkennbare Ursache und eine auffällige Empfindlichkeit auf hartem Boden.

Zwei Einschränkungen gehören dazu. Erstens gibt es EMS auch beim schlanken Pferd – der Insulinwert entscheidet, nicht der Bauchumfang. Zweitens ist ein dicker Mähnenkamm allein kein Beweis. Beides zusammen erklärt, warum die Vermutung im Stall so oft danebenliegt.

Die Diagnose gehört in tierärztliche Hände

Gesichert wird der Verdacht über Blutuntersuchungen – in der Regel über einen Insulin- und Glukosewert, häufig ergänzt um einen Belastungstest, bei dem die Reaktion auf eine definierte Zuckergabe gemessen wird. Ein einzelner Nüchternwert ist wenig aussagekräftig; entscheidend ist, wie der Organismus auf Belastung antwortet.

Dabei wird meist auch PPID abgeklärt, das früher als Equines Cushing-Syndrom bezeichnet wurde. Beide Bilder überschneiden sich, treten nicht selten gemeinsam auf und erfordern trotzdem unterschiedliche Maßnahmen: PPID ist eine Erkrankung der Hirnanhangsdrüse und wird tierärztlich behandelt, EMS wird überwiegend über Fütterung und Bewegung gesteuert.

Was hier steht, ersetzt diese Untersuchung nicht. Es beschreibt, was nach einer Diagnose auf der Fütterungsseite zu bedenken ist.

Der entscheidende Hebel ist der Zucker in der Ration

Bei einer Insulindysregulation reagiert der Organismus auf leicht verfügbare Kohlenhydrate mit einer überschießenden Insulinausschüttung. Die Fütterung zielt deshalb darauf, genau diese Spitzen zu vermeiden. In der Praxis heißt das:

  • Raufutter mit niedrigem Zucker- und Fruktangehalt. Der Gehalt schwankt stark nach Schnittzeitpunkt, Standort und Witterung – eine Heuanalyse ist bei einem betroffenen Pferd kein Luxus, sondern die Grundlage jeder weiteren Entscheidung.
  • Getreide, Melasse und melassierte Mischfutter meiden. Auch scheinbar harmlose Leckerlis und Müslis enthalten oft erhebliche Zuckermengen.
  • Weidegang steuern. Fruktangehalte steigen bei Sonne und Kälte, also besonders im Frühjahr und Herbst und an klaren Nächten mit Frost. Kurz abgefressene, gestresste Grasnarben sind riskanter als hoher Aufwuchs.
  • Fresspausen kurz halten. Langes Hungern verschärft die Stoffwechsellage, statt sie zu entlasten. Engmaschige Netze verlängern die Fresszeit bei gleicher Menge.

Die Heuanalyse und was sie sagt

Für ein Pferd mit EMS ist die Analyse des eigenen Heus die wichtigste Zahl im Stall. Gefragt ist der Gehalt an wasserlöslichen Kohlenhydraten, in Laborberichten meist als WSC ausgewiesen, häufig zusammen mit Stärke. Als Orientierung nennt die Fütterungsberatung für insulinempfindliche Pferde einen Summenwert von WSC und Stärke unter 10 Prozent der Trockensubstanz.

Liegt das eigene Heu darüber, ist Wässern eine gängige Maßnahme: 30 bis 60 Minuten in reichlich kaltem Wasser senken den Gehalt an löslichen Kohlenhydraten spürbar. Zwei Nachteile gehören zur Wahrheit dazu – mit dem Zucker gehen auch Mineralstoffe verloren, und gewässertes Heu verdirbt schnell, muss also am selben Tag verfüttert werden. Die Mineralversorgung sollte deshalb bei gewässertem Heu ausdrücklich nachgerechnet werden.

Gewicht abbauen, ohne zu hungern

Eine Radikaldiät ist bei EMS kontraproduktiv und kann zusätzlich eine Hyperlipidämie auslösen, vor allem bei Ponys. Etabliert ist stattdessen eine moderate Restriktion: Die Raufuttermenge wird auf etwa 1,5 kg Heu je 100 kg Körpergewicht und Tag begrenzt, in Einzelfällen und nur unter tierärztlicher Kontrolle auf bis zu 1,2 kg, und über möglichst viele Portionen und lange Fresszeiten verteilt.

Der Fortschritt wird nicht nach Augenmaß beurteilt, sondern gemessen: über den Body Condition Score auf einer Skala von 1 bis 9, über ein Maßband am Bauchumfang und – wo vorhanden – über die Waage. Realistisch ist ein Gewichtsverlust von etwa 0,5 bis 1 Prozent des Körpergewichts je Woche. Bei einem 600-kg-Pferd sind das 3 bis 6 kg. Wer schneller abnimmt, macht etwas falsch.

Bewegung wirkt auf die Insulinlage

Regelmäßige, gleichmäßige Bewegung verbessert die Insulinempfindlichkeit und ist damit kein Nebenaspekt, sondern Teil des Managements. Wirksam ist vor allem Ausdauerarbeit im Schritt und leichten Trab über längere Zeit, mehrmals in der Woche – nicht die einzelne harte Einheit am Wochenende. Auch der Auslauf zählt: Ein Pferd, das sich über den Tag frei bewegen kann, hat gegenüber dem Boxenpferd einen messbaren Vorteil.

Wichtig ist die Abstimmung mit der Tierärztin: Bei akuter oder frisch überstandener Hufrehe gelten andere Regeln, und Bewegung auf schmerzenden Hufen verschlimmert den Zustand.

Was das für Ergänzungsfuttermittel bedeutet

Ein Ergänzungsfuttermittel ist bei EMS erst dann eine Überlegung wert, wenn die Grundration steht. Danach gilt eine einfache Prüfliste, die sich am Etikett abarbeiten lässt:

  • Enthält es Getreide, Mais oder Melasse? Dann scheidet es aus.
  • Wie hoch ist der Kohlenhydratanteil, und woher stammt er?
  • Welche Tagesmenge ist vorgesehen – und wie viel Zucker landet über diese Menge tatsächlich im Trog?
  • Steht die vollständige Zusammensetzung auf der Verpackung, oder nur eine Auswahl?

Bierhefe ist in diesem Zusammenhang unproblematisch, weil sie diese Bestandteile nicht enthält. Der Kohlenhydratanteil von 30 bis 46 Prozent stammt aus der Hefe selbst, die übliche Tagesmenge liegt bei 50 bis 100 g – über diese Menge betrachtet ist der absolute Beitrag zur Ration klein. Was sie liefert, sind Protein mit vollständigem Aminosäureprofil, natürliche B-Vitamine und Beta-Glucan aus der Hefezellwand als Nahrung für die Darmmikroben.

Was sie nicht leistet: Sie senkt keinen Insulinwert und ersetzt keine angepasste Ration. Ein Ergänzungsfuttermittel tritt neben die Grundration, nicht an deren Stelle.

Der blinde Fleck: Mineralstoffe

Wer die Ration konsequent zuckerarm gestaltet, streicht mit dem Kraftfutter auch dessen Mineralisierung. Genau hier entsteht bei EMS-Pferden häufig eine Lücke, die im Fell, an den Hufen und an der Regeneration sichtbar wird. Ein zuckerfreies Mineralfutter gehört deshalb zur angepassten Ration dazu – welches und in welcher Menge, richtet sich nach der Heuanalyse und gehört in die Fütterungsberatung, nicht in eine allgemeine Empfehlung.

Woran man Fortschritt erkennt

Bei EMS ist der wichtigste Messwert nicht das Aussehen, sondern die Blutuntersuchung im Verlauf. Daneben lohnt sich ein regelmäßiger Blick auf den Body Condition Score, den Umfang des Mähnenkamms und die Hufsituation. Alle drei verändern sich langsam – Geduld über Monate ist bei diesem Bild die Regel, nicht die Ausnahme.

Sofort tierärztlich vorstellen

Bei Anzeichen einer Hufrehe zählt jede Stunde: klammer, trippelnder Gang, vermehrte Pulsation an den Fesseln, warme Hufe, Zurücklehnen auf die Hinterhand, Widerwille beim Wenden. Das ist ein Notfall und kein Fütterungsthema.

Kurz zusammengefasst

  • EMS ist ein Befundbild rund um eine gestörte Insulinregulation – gesichert wird es über Blutwerte, nicht über den Mähnenkamm.
  • Der wichtigste Hebel ist der Gehalt an löslichen Kohlenhydraten in der Ration; die Heuanalyse ist die Grundlage jeder Entscheidung.
  • Abnehmen ja, hungern nein: 0,5 bis 1 Prozent Gewichtsverlust je Woche, Fresspausen kurz halten.
  • Bewegung wirkt auf die Insulinlage – abgestimmt mit der Tierärztin und niemals bei akuter Hufrehe.
  • Ergänzungsfuttermittel kommen nach der Grundration, ohne Getreide, Mais und Melasse, und mit vollständig ausgewiesener Zusammensetzung.

Dieser Beitrag ist allgemein gehalten und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung.

Dieser Beitrag ist allgemein gehalten und ersetzt keine tierärztliche Untersuchung. Bei anhaltendem Durchfall, Erbrechen, Blut im Kot, Fieber oder Gewichtsverlust gehört die Ursache in jedem Fall abgeklärt.

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